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Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.
Wie
die Zelle eingerichtet wird, ist festgeschrieben und überall im
Gefängnis gleich. Aus Sicherheitsgründen. Zelle Nummer 221, erster
Stock, Haus 2, "Mord- und Totschlagsstation" in der
Jugendstrafanstalt Berlin-Plötzensee ist neun Quadratmeter groß:
grauer Bodenbelag, an der Wand ein Bett, darauf eine Decke mit der
Aufschrift "Land Berlin", gegenüber ein Tisch, daneben ein
Schrank aus Kunstholz.
Zelle
221 erzählt von Verbrechen, von Schuld, von Scham, vielleicht auch
von Sühne. Zelle 221 erzählt von Mehmet Kemal, Gavin Jones und
Daniel Koch (Namen der Häftlinge geändert). Alle drei haben Zelle
221 gepflegt und gehasst. Alle drei blickten durch ihr vergittertes
Fenster auf den Hof mit den stacheldrahtumhüllten Bäumen in der
Mitte - Mehmet Kemal von Dezember 1998 bis November 2001, Gavin Jones
vom Frühjahr 2007 bis Mai 2008 und Daniel Koch von da an bis heute.
Alle drei haben sehr jung schon sehr schwere Straftaten begangen. Was
sie verbindet, ist diese Zelle.
Zelle
221, Frühjahr 2008. Über Daniel Koch sagen die anderen Häftlinge,
er habe aus der Zelle eine "Kuschelhöhle" gemacht. Koch
ist 21 und seit drei Jahren in Plötzensee. Er trägt ein Unterhemd,
das seine Armmuskeln freilegt. In seiner Zelle regieren die Frauen,
sie schauen auf sein Bett, von seiner Pinnwand, von der Schranktür.
Sie haben alle sehr wenig an. Die Bilder kleben an einer Leiste, man
muss darunterschauen können, mindestens einmal in der Woche wird
Zelle 221 kontrolliert. Nach Paragraf 19 Absatz 2 des
Strafvollzugsgesetzes dürfen die Gefangenen ihre Zelle in
"angemessenem Umfang ausstatten", aber es können
"Gegenstände ausgeschlossen werden", wenn sie die
"Übersichtlichkeit des Haftraumes behindern". Neben den
Nackten hängen Fotos von den Malediven, Kochs Mutter war dort im
Urlaub. Koch hat die beiden größten Sehnsüchte der Häftlinge an
einer Wand vereint: Sex und Freiheit.
Jeden
Tag um sechs wird Daniel Koch geweckt, um sieben geht er zur Arbeit,
er macht in der Anstalt eine Tischlerlehre. Gegen 15 Uhr kehrt er
zurück, meist bleiben die Zellentüren nur noch ein, zwei Stunden
geöffnet. Ab 16 oder 17 Uhr ist er dann allein in Zelle 221, Stunden
des Nichtstuns, in der die Konjunktive in seinem Kopf lärmen,
Gedanken daran, wie das Leben ohne sein Verbrechen hätte aussehen
können. Das Eingeschlossensein sei am Anfang richtig beklemmend
gewesen. Diese Eintönigkeit, die den Körper schlaff werden und die
Gedanken taumeln lässt und das Nachdenken darüber, was er getan
hat. Ein Makel, nie mehr aus dem Lebenslauf zu tilgen. Wenn Daniel
Koch die Spannung nicht aushält, putzt er seine Zelle. Koch findet,
kleine Räume machen viel mehr Dreck als große. Im Schrank liegen
seine Jeans und T-Shirts auf Kante. Ordnung ist ihm wichtig. Auch,
weil er sie draußen vor der Tür oft nicht finden kann.
Vorraum
der Zelle, Frühjahr 2008. Auf dem Flur regt sich Kochs Zellennachbar
Shapi, ein Kosovo-Albaner, der einen Lehrer umgebracht hat, über die
Haftbedingungen auf: keine Fernseher in den Zellen, Schikane der
Beamten und zu wenig Aufschluss! Nur selten sind vier Vollzugsbeamte
da, damit die Zellentüren in Haus 2 bis 21 Uhr offen bleiben können.
Zu wenig Personal, zu viele Krankmeldungen. Daniel Koch verhält sich
still, wenn andere erzählen. Nur wenn ihn etwas stresst, erscheint
quer auf seiner Stirn eine Falte. Über seine Tat mag er jetzt nicht
reden. Die Häftlinge fragen einander nie, warum sie hier sind. Jeder
hört irgendwas von irgendwem. Daniel Koch hat noch vier Jahre vor
sich.
Büro
des Gefängnisleiters, Sommer 2008. Nicht weit entfernt von Zelle 221
im Verwaltungsgebäude der Haftanstalt sitzt Marius Fiedler hinter
einem überdimensionierten Schreibtisch. Seit 19 Jahren leitet er das
Gefängnis Plötzensee, regiert eine kleine Stadt mit Werkstätten,
Zellen, Sportplatz und momentan 485 Gefangenen, die in drei Schichten
von 300 Vollzugsbeamten bewacht werden. Vor knapp dreißig Jahren ist
Fiedler zufällig ins "Gefängnis-Business" geraten, wie er
es nennt. Er hatte Soziologie, Erziehungswissenschaften und
Psychologie studiert. Danach wollte er kurz in der Psychiatrie
arbeiten, um psychische Krankheiten besser zu verstehen, und fand nur
einen Platz im Krankenhaus der Haftanstalt Berlin-Tegel. Damals war
Fiedler 32 und davon überzeugt, die Häftlinge seien in Tegel
doppelt eingesperrt - sowohl im Gefängnis als auch in der
Psychiatrie. Bis er den Chefarzt des Gefängnisses kennenlernte,
einen "Weltbürger" aus einer alten italienischen Familie.
Der vertrat die Ansicht, die Gefangenen sollten nicht nur büßen,
sondern die Zeit in Haft nutzen, um sich zu entwickeln. Der Arzt
wurde Fiedlers Mentor, und Fiedler blieb zehn Jahre als Psychologe
dort.
Marius
Fiedler ist jetzt 61, er kann sich noch erinnern, dass, als er in
Tegel anfing, der Erziehungsgedanke im Jugendstrafvollzug im
Vordergrund stand. Wenn er jetzt bei Treffen mit anderen
Gefängnisdirektoren über "Erziehung" redet, verdrehen die
meist nur die Augen. " Das Sicherheitsbedürfnis ist größer
geworden, und das Verhältnis der Öffentlichkeit zu den Straftätern
hat sich verändert. Früher wurden sie noch als Bestandteil der
Gesellschaft angesehen, die resozialisiert und integriert werden
sollten. Heute ist der Straftäter der Feind, der bekämpft werden
muss."
Vor
zwei Jahren stand Fiedlers Jugendstrafanstalt oft in den Zeitungen.
An das Gefängnis grenzt eine Kleingartensiedlung, von dort warfen
Bekannte der Insassen regelmäßig Handys und Drogen über die Mauer
in die Anstalt. Einmal filmte ein Fernsehsender live mit, und Fiedler
bekam Ärger. Vor die Zellenfenster mit Blick auf die Kolonie wurde
jetzt "Tegeler Masche", eine Art Fliegengitter, gesetzt.
Und bald soll ein innerer Sicherheitszaun hinzukommen.
Die
Statistiken zeigen, dass die Jugendkriminalität nicht gestiegen ist,
aber die Körperverletzungsdelikte jugendlicher Täter zugenommen
haben. Die meisten Kriminologen sind der Meinung, das liege daran,
dass diese Taten öfter angezeigt würden. Kaum etwas hat in den
vergangenen Jahren die deutsche Öffentlichkeit mehr erregt als der
Umgang mit jungen Gewalttätern. In einer Zeit, in der große Banken
ihr Geld verspielen und angesehene Firmen untergehen, in der nichts
mehr gewiss zu sein scheint, bildet die scharfe Verurteilung von
Kriminellen eine Art kleinsten gemeinsamen Nenner, auf den man sich
noch einigen kann. Je verunsicherter der Einzelne, desto größer das
allgemeine Verlangen nach Sicherheit.
Der
hessische Ministerpräsident Koch und Bundeskanzlerin Merkel
forderten schon vor Jahren härtere Strafen für kriminelle
Jugendliche und lösten eine Diskussion aus. " Als ob die
doppelte Strafe zu doppelt so guten Ergebnissen führen würde. Das
ist eine sehr naive Sichtweise", sagt Fiedler. Druck erzeuge nur
Gegendruck. Stattdessen müsse man klare Grenzen setzen.
Marius
Fiedler sitzt in seinem Büro und sammelt Argumente, damit "die
Wirklichkeit wahrgenommen wird". Er zitiert den Prorektor der
Berliner Fachhochschule für Soziale Arbeit, der an einem Stichtag im
Jahr 2007 untersuchte, wie viele der etwa 7500 Insassen deutscher
Jugendstrafanstalten jünger als 16 Jahre alt waren, und dabei nur
auf 52 Häftlinge kam. Aber die Auseinandersetzungen sind heftiger
geworden. Da ist zum Beispiel Fiedlers Gegner Hans-Jörg Albrecht,
der Direktor des Max-Planck-Instituts für ausländisches und
internationales Strafrecht in Freiburg. Albrecht meint, dass die
meisten Häftlinge im Jugendstrafvollzug über 18 seien und nicht
mehr erzogen werden wollten. Albrecht fordert, das Erziehungsziel im
Jugendstrafrecht aufzugeben. Fiedler antwortet ihm mit Kant: "Der
Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts, als was
die Erziehung aus ihm macht."
Seit
Jahren sagt Marius Fiedler seine Meinung jedem, der sie hören mag:
seiner "vorgesetzten Behörde", der Senatsverwaltung für
Justiz, den 1200 Fachbesuchern, die sich jährlich das Gefängnis
Plötzensee anschauen, und seinen Kollegen. Er ist Sprecher der
Arbeitsgemeinschaft Jugendstrafanstalten und Mitglied des
deutsch-russischen Jugendrates. Er reist oft nach Russland, da hat
Fiedler auch die riesigen Säle gesehen, in denen die russischen
Häftlinge schlafen. In Plötzensee hat jeder Insasse seine eigene
Zelle. Der Schutz der Intimsphäre wird wichtig genommen. "
Besonders seit Siegburg", sagt Fiedler. Dort wurde vor drei
Jahren ein junger Mann von seinen Mithäftlingen gequält und
schließlich getötet. In einer Gemeinschaftszelle.
Aufenthaltsraum
des Gefängnisses, Sommer 2008. Zelle 221 ist für Gespräche zu
klein, deshalb wartet Daniel Koch im Aufenthaltsraum. Von draußen
dringen laut die Stimmen der Häftlinge, die sich durch die
geöffneten Fenster ihrer Zellen unterhalten.
Koch
ist im Süden von Berlin aufgewachsen, in einer Neubausiedlung. Seine
Welt bekam einen Riss, als sich seine Eltern trennten. " Von
einem Tag auf den anderen war er weg", sagt Koch über seinen
Vater. Daniel Koch war damals in der neunten Klasse. Zur Schule ging
er nur noch selten, er schlief jeden Tag bis zehn, rauchte Haschisch,
nahm auf der Straße anderen Jugendlichen ihre Schuhe oder Handys ab.
" Aus Langeweile", sagt er. Er selbst wurde auch
überfallen, einmal musste er auf Socken nach Hause laufen. Danach
kaufte er sich ein Messer. " Ihr Wichser zieht mich nicht mehr
ab", dachte er. Nie mehr Opfer sein. " Opfer" ist
eines von Kochs liebsten Worten, er benutzt es oft, immer klingt es
nach Schwäche.
Einmal
raubte Koch wieder einen Jungen aus und wurde erwischt. Zur Strafe
sollte er 90 Sozialstunden in einem Jugendklub leisten. Dort ist er
nie hingegangen. Dafür kam er drei Wochen in den Jugendarrest. "
Nachher habe ich mächtig Schläge von meinen Vater bekommen."
Das hatte er auch früher schon. " Aber ich hatte eine gute
Erziehung", sagt Koch. Es ist ihm wichtig, dass er nicht aus
einem asozialen Elternhaus stammt. Schläge klingen für ihn nach
Ordnung, nach Normalität.
Wenn
Koch und die anderen Häftlinge in Plötzensee gegen eine Regel
verstoßen, stellen sie sich manchmal gemeinsam vor, wie viel Prügel
sie dafür wohl von ihren Vätern bezogen hätten. Es ist ein
grausames Spiel, Gürtel und Stöcke spielen darin eine große Rolle.
An
die Tat, die ihn in Zelle 221 führte, kann sich Koch nur schemenhaft
erinnern: Ein Dezemberabend 2005, er stieg zusammen mit Freunden in
einen Bus. Er war damals 18. Einer seiner Freunde begann einen Streit
mit einem Mädchen. Koch hatte getrunken und Ecstasy genommen. Der
Freund des Mädchens mischte sich ein. Daniel Koch fühlte sich
"unter Druck", seinem Freund zu helfen. Er zog sein Messer
und stach zu. Dann flüchtete er aus dem Bus.
Am
nächsten Morgen sah er in den Fernsehnachrichten, dass es an der
Bushaltestelle einen Toten gegeben hatte. Er stellte sich nicht der
Polizei, aber seine Freunde redeten. Als die Kripo kam, um ihn
abzuholen, schaute er gerade Fußball. Koch gestand und kam sechs
Monate in Untersuchungshaft. " Das war eine harte Zeit",
sagt er. Er träumte viel von seinem Opfer und wachte mit dessen
Schrei auf. " Es ist nicht so ein schönes Gefühl, ein
Menschenleben auf dem Gewissen zu haben."
Im
Gerichtssaal saßen die Eltern des Opfers, die Geschwister, dessen
ganze Schulklasse, und alle schauten ihn an. Daniel Koch war mit
seinem Anwalt allein, er wollte nicht, dass jemand Bilder von der
"Familie des Totschlägers" machte. Er wurde zu sechs
Jahren Haft verurteilt. " Ich hätte mir selbst zehn gegeben",
sagt er. Die Höchststrafe im Jugendstrafrecht. Die meisten in
Plötzensee würden sich selbst härter bestrafen, meint Koch. "
Vielleicht wollen wir auch mal Richter spielen." Aber über die
Jahre werde die Tat immer mehr vom Knastalltag verdrängt. Viele
lernen sich erst im Gefängnis kennen, viele werden erst im Gefängnis
Berufskriminelle. " Man bekommt immer mehr Input", sagt
Koch. Trotzdem bleibe jeder für sich allein. " Hier gibt's
keine Freunde."
Koch
läuft den leeren Gang entlang zu Zelle 221, die anderen Häftlinge
sind schon lange eingeschlossen. Er hat Brote aufgehoben, die wird er
am Abend essen, und vielleicht putzt er noch ein bisschen. Die Zelle
ist das Gesicht des Gefangenen. Wenn sie dreckig ist, zeigt er
Schwäche, macht sich angreifbar für Mitinsassen und Beamte.
Daniel
Koch ist noch einmal rückfällig geworden, in Haft. Das kostete ihn
ein weiteres Jahr seines Lebens.
Zimmer
des Psychologen, Sommer 2008. Die Akte des Insassen Daniel Koch liegt
bei Jörg Abram, dem Psychologen und Leiter der Wohngruppe von Haus
2, im Schrank. Da liegen auch die Ordner "Gavin Jones" und
"Mehmet Kemal". Abrams Büro ist nur zwei Türen von Zelle
221 entfernt. Abram nennt sie eine der "privilegierten
Hafträume". Dort sitzen meist ältere Häftlinge, die keine
Drogen nehmen, nicht illegal telefonieren, eine Ausbildung machen
oder zur Schule gehen. Bäume spenden diesen Zellen Schatten, und
kein Haus steht in der Nähe, sodass die Häftlinge nicht durch die
Gespräche der anderen Insassen bis in die Morgenstunden wach
gehalten werden. " Für viele Gefangene ist die Zelle das erste
eigene Zimmer ihres Lebens. Sie ist ein ganz intimer Raum", sagt
Abram. Manche schlafen darin bis zu 15 Stunden am Tag. So müssen sie
nichts denken, nichts hören, nichts fühlen. Abram hat beobachtet,
dass viele, auch wenn die Türen offen stehen, ihre Zelle nicht
verlassen, weil sie nicht wissen, was sie draußen mit sich anfangen
sollen.
Jörg
Abram ist 57, seit 27 Jahren arbeitet er als Psychologe in der
Jugendstrafanstalt. Er ist ein wichtiger Mann in Plötzensee, das Tor
zur Freiheit. Abram schreibt Einschätzungen, entscheidet mit
darüber, ob ein Gefangener Hafterleichterung bekommt oder nicht.
Über Daniel Koch sagt er: "Er ist ein furchtbarer Mitläufer,
kann nie nein sagen. Wenn er das nicht lernt, wird er wieder
auffällig werden." Einmal in der Woche spricht Abram mit den 17
Häftlingen seiner Wohngruppe allein, freitags treffen sich alle
zusammen. Die Gefangenen erleben ihn über Jahre fast jeden Tag,
viele bemühen sich, in seine Hirnwindungen zu dringen. Deshalb
klingen ihre Sätze manchmal nach ihm, die Häftlinge sprechen dann
von "Verarbeitung" und "Verdrängung". " Das
halten sie aber nicht jahrelang durch", sagt Abram und lacht.
Er
blättert in einem Hefter auf seinem Schreibtisch und zählt auf:
Russlanddeutsche, Kosovo-Albaner, Libanesen, Palästinenser, Türken,
Polen, Angolaner und Deutsche leben in seiner Wohngruppe. In
Plötzensee sind 70 Prozent der Gefangenen nichtdeutscher Herkunft -
im westdeutschen Durchschnitt sind es rund 50 Prozent. Abram sieht
dafür vor allem soziale Gründe: kaum Bildung und "belastende
Faktoren" wie Armut, Alkohol, Arbeitslosigkeit.
Es
klingt wie ein Klischee, aber die meisten Studien zu diesem Thema
kommen zum selben Schluss: "Kriminalität steht fast immer im
Zusammenhang mit Armut, und davon sind Migranten mehr betroffen."
Viele Häftlinge haben die Schule nur selten besucht. " Wir
haben hier keine Abiturienten, sondern viele, die als Analphabeten
aus der Hauptschule kommen", sagt Abram und fügt hinzu, "das
Problem sind auch die schwachen Väter." Entweder seien sie gar
nicht da oder kümmerten sich nicht um die Erziehung. Und Väter, die
autoritäre Familienstrukturen gewohnt seien, fühlten sich oft durch
die Emanzipation der Frauen verunsichert, sähen ihre Rolle in der
Familie in Gefahr. Sie reagierten mit Schlägen, um sich Autorität
zu verschaffen. Sie werden von ihren Söhnen nicht als Vorbilder
erlebt, sondern als Verlierer.
Manchmal
sieht Jörg Abram auch die Erfolge der Haft, wenn die Gefangenen
"drinnen" eine Lehre oder die Schule abschließen, was sie
"draußen" nie durchgehalten hätten. " Ich verlange
von den Häftlingen, dass sie einen Plan machen, wie sie ihr Leben
ordnen wollen", sagt er. In seiner Wohngruppe gibt es nicht
viele Rückfälle, deutschlandweit liegt die Quote aber zwischen 70
und 80 Prozent.
Wie
die Häftlinge teilt auch Jörg Abram die Welt in "drinnen"
und "draußen". Draußen, in seinem Privatleben, spricht er
nicht über das Gefängnis. Wenn ihm auf der Straße ein ehemaliger
Insasse begegnet, wartet er, bis der ihn zuerst grüßt. Manche rufen
ihn Jahre später an, aber nur, wenn sie etwas Schönes zu erzählen,
wenn sie etwas erreicht haben.
Offener
Vollzug, Sommer 2008. Gavin Jones blickt, etwa hundert Meter von
Daniel Koch und Jörg Abram entfernt, auf die andere Seite der
Gefängnismauer. Seine alte Zelle 221 kann er von dort nicht mehr
sehen. Jones sitzt im offenen Vollzug, er ist schon einen Schritt
weiter als Daniel Koch. Er darf jeden Tag für ein paar Stunden nach
draußen und macht an einem Kolleg seinen Realschulabschluss nach.
Dort wissen nur die Lehrer, wohin er abends zum Schlafen zurückkehrt.
Gavin Jones ist 23, das Kind eines schwarzen US-Soldaten und einer
Deutschen. Er trägt weite kurze Hosen und ein Basketball-T-Shirt,
beim Reden lächelt er viel.
Seine
neue Zelle im offenen Vollzug mag er nicht mehr einrichten, die Leere
soll signalisieren, dass er auf dem Absprung ist. Er hofft, bald
entlassen zu werden. In seiner alten Zelle 221 habe er sich noch
richtig Mühe gegeben, sagt er. Dort lag ein weißes Deckchen über
dem Tisch, und an der Wand hing ein Bild von betenden Pilgern in
Mekka. Jones ist im Gefängnis zum Islam übergetreten. Er sagt, der
Islam habe ihn überzeugt - wovon genau, kann er nicht erklären. Er
hat einige Suren auf Arabisch gelernt, den Koranunterricht besucht.
Jones ist auf der Suche nach einem Sinn. " Ich habe so krasse
Gedanken: Wann kommt man in den Himmel und wann in die Hölle? Was
mache ich im Gefängnis?"
Gavin
Jones redet leise, seine Sätze klingen sanft. In Plötzensee konnte
er im Rahmen eines Musikprojektes mit vier anderen Häftlingen eine
Hip-Hop-Gruppe gründen: Gitta Spitta, ihr Video lief auf YouTube im
Internet, draußen haben ihn schon Mitschüler erkannt. Einer seiner
Freunde aus der Band wurde nun nach Uganda abgeschoben. Ab und zu
ruft er Jones auf dem Handy an und erzählt ihm, wie verzweifelt er
ist. Manchmal hebt Jones nicht mehr ab, wenn er wieder diese Nummer
auf dem Display sieht. Er weiß nicht, was er sagen soll.
Jones'
Eltern haben sich getrennt, als er sechs war. Der Vater kehrte in die
USA zurück. Jones hat keine guten Erinnerungen an ihn, der Vater
trank, und er schlug Gavins Mutter. Ein Thema, bei dem Jones fast
völlig verstummt. Im Knast gibt es zwei Tabus: die Kindheit und die
Straftat. Weil das nie schöne Geschichten sind, die die Häftlinge
erzählen könnten.
Gavin
Jones begann mit 14 zu kiffen, sprühte Graffiti, hatte eine Gang.
Sie nannten sich die Terminators, trugen Carlo-Colucci-Pullover,
fanden sich sehr cool und brauchten immer Geld. Jones fing an zu
dealen, raubte andere aus, prügelte sich. " Immer wenn ich eine
Kleinigkeit gemacht habe, ist gleich etwas Krasses daraus geworden."
Mehrmals kam er in Untersuchungshaft, am Ende hatte er zwei
Einzelfallhelfer, einen Sachbearbeiter bei der Kripo und einen
Bewährungshelfer. Die rieten ihm: "Geh doch mal schwimmen",
oder "Mach doch eine Ausbildung". Er fand sie alle
lächerlich. Gavin Jones ist Intensivtäter, er weiß nicht mehr, wie
viele Taten er begangen hat und wie oft er Bewährungsstrafen bekam.
Ihm wurden zahllose Hilfsmaßnahmen angeboten, keine davon hat er
angenommen. Was hätte der Staat machen können, um ihn von seinem
kriminellen Weg abzubringen? Jones schweigt. " Nichts",
sagt er. " Ich hätte auf nichts gehört."
Als
er 15 war, setzten die Sozialarbeiter ihr letztes Mittel ein: Sie
schickten Jones in ein Jugendheim in der Nähe von Frankfurt am Main,
weit weg von seiner Familie und seinen Freunden. Jones lächelt. Dem
Betreuer dort habe er sofort eine geknallt, dessen Strenge habe ihm
nicht behagt. Bald verabschiedete sich Jones abends in die Dorfdisko,
er blieb nicht lange im Heim.
"Wenn
ich früher härter bestraft worden wäre, wäre die eigentliche Tat
nicht passiert", glaubt er. Aber er bekam immer Bewährung.
Es
geschah an einem Septemberabend 2004. Jones war in einer Cocktailbar,
hatte getrunken, eine Mischung aus Speed und Ecstasy im Blut und
fühlte sich von einem anderen Gast beleidigt. Es kam zur Schlägerei
mit mehreren Männern. Einen von ihnen verletzte er mit dem Messer so
schwer, dass er im Koma lag und notoperiert werden musste. Gavin
Jones wurde wegen schwerer Körperverletzung zu fünf Jahren und
sechs Monaten Haft verurteilt.
In
den ersten Wochen in Plötzensee hatte er einen "Blackout",
wie er es nennt. Er konnte nicht arbeiten, nicht schlafen, brach
seine Ausbildung zum Koch ab. Jones ist dann zu Jörg Abram, dem
Psychologen, gegangen und hat geredet. Das erste Mal, vielleicht. "
Draußen hätte ich nie eine Therapie gemacht", sagt Jones. Im
Mai 2008 kam er in den offenen Vollzug. " Ich bin
resozialisiert", sagt er jetzt. Zelle 221 scheint weit hinter
ihm zu liegen.
Bistro
Piccolo Romantica, Frühjahr 2008 . Mehmet Kemal hat in Zelle 221 nie
Familienfotos aufgehängt. " Männer sind Schweine", sagt
er. Kemal wollte vermeiden, dass seine Mutter oder seine Schwester zu
Sehnsuchtszielen seiner Mitinsassen würden. An seinen Wänden
klebten Poster des kurdischen Schauspielers Yilmaz Güney. " Das
ist mein Reich", sagt er. Kemal redet von Zelle 221, als lebe er
noch immer dort. Dabei ist er seit sieben Jahren draußen, in
Freiheit.
Als
Treffpunkt hat er einen Imbiss in Berlin-Kreuzberg gewählt. Nur ein
paar hundert Meter von dem Ort entfernt, wo er die Tat beging, die
sein Leben veränderte. Kemal ist 28 und ringt mit seinen Worten. Er
will nichts Falsches sagen oder zu viel von sich preisgeben. Erst vor
Kurzem hat er sich wieder bei dem Psychologen Abram gemeldet, um ihm
zu sagen, dass er nun eine ABM-Stelle als Sozialarbeiter in einem
Jugendzentrum habe. Mehmet Kemals Geschichte könnte eine
Erfolgsgeschichte werden.
Kemals
Eltern sind vor mehr als 30 Jahren von Anatolien nach Deutschland
ausgewandert. Mehmet wuchs in Kreuzberg auf. " Einer meiner
Cousins war eine große Nummer im Viertel. Ich wollte nicht in seinem
Schatten stehen. Ich wollte, dass mit meinem Namen Taten verbunden
werden."
Kemal
hat immer zu seinem Vater aufgeblickt, einem Taekwondo-Meister.
Kemals Eltern waren bemüht, ihn unter Kontrolle zu halten, aber der
entzog sich. Nach der Grundschule kam er auf eine Gesamtschule im
vornehmen Berliner Süden. Aber Mehmet Kemal fand diese Welt
gefährlich fremd. Er bewaffnete sich, kaufte ein Klappmesser. Er
weiß das Datum noch genau: der 3. Februar 1997. Er war damals 17 und
ging mit zwei Freunden die Oranienstraße entlang. Ein Mann kam ihnen
entgegen und lief einfach zwischen ihnen hindurch. Kemal fühlte sich
provoziert. Fünfmal habe er zugestochen, sagte ihm später die
Polizei. Fünf Stiche, ausgeführt mit großer Wucht.
Kemal
schweigt einen Augenblick. " In unserer Familie passiert so was
nicht", sagt er. In der Untersuchungshaft zertrümmerte er einen
Spiegel, er konnte sich selbst nicht mehr sehen.
Kemal
wurde zu sieben Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt. Im Knast
habe er lernen müssen, sich neu durchzusetzen. " Wenn du dich
einmal bückst, stehen zehn hinter dir." Bücken bedeutet, sich
zu unterwerfen. Er war jetzt Nummer 130987. " Drinnen ist alles
monoton. Immer dieselben Farben, nie ein freier Blick. Aber das
Schlimmste ist, dass ständig jemand neben dir steht, der bestimmt."
Aus dem Gefängnis habe er an die Mutter des Opfers geschrieben, sie
habe ihm nicht geantwortet.
Nachdem
Kemal zwei Drittel seiner Haft abgesessen hatte, wurde er vorzeitig
entlassen. Der Psychologe Abram hatte eine gute Prognose abgegeben,
die er so zusammenfasst: "Er ist im falschen Viertel groß
geworden, hat aber eine stabile Familie." Draußen bemühte sich
Mehmet Kemal um Arbeit, in Haft hatte er eine Ausbildung zum
Zweiradmechaniker abgeschlossen. Er stellte sich in verschiedenen
Werkstätten vor, aber irgendwann kam immer die Frage: "Und wo
haben Sie gelernt?" Wenn Kemal darauf antwortete, konnte er
sehen, wie das Interesse im Gesicht des Gegenübers erlosch. Er
schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch bis zu seiner jetzigen
ABM-Stelle. Sie endet bald. Dann wird er wieder um Vertrauen bitten
müssen.
Zelle
221, Spätsommer 2008 . Daniel Koch und Gavin Jones sitzen auf dem
Bett in Zelle 221, gemeinsam zählen sie die "Toten": wie
viele Menschen von den Insassen ihrer Wohngruppe "draußen"
umgebracht wurden. Sie kommen auf sieben oder acht, so genau können
sie das nicht feststellen. Jones sieht sich in seiner alten Zelle um,
sein Blick fällt auf ein Gedicht, das Koch an seinen Schrank geklebt
hat: Krank von Erich Fried. Koch kennt es noch aus der Schule:
"Wer
gegen die Gesetze dieser Gesellschaft
nie
verstoßen hat und nie verstößt
und
nie verstoßen will
der
ist krank"
Eigentlich
sollte dieses Treffen mit Gavin Jones draußen sein, in der Freiheit.
Aber Jones ist zurück im geschlossenen Vollzug, zurück in Haus 2,
allerdings nicht in seiner alten Zelle. Jones hat jetzt einen
Haftraum auf der "schlechten" Seite, dort, wo die Gebäude
dicht nebeneinander stehen und sie kein Baum vor der Sonne schützt.
Eine gute Zelle, schattig und leise, muss er sich erst wieder
verdienen. Welche Zelle ein Gefangener bekommt, zeigt auch seinen
Status an: wie weit seine "Erziehung" vorangeschritten ist.
In
einer Juninacht hat Gavin Jones seine Freiheit verwirkt, wieder
einmal. Freunde boten ihm in einer Bar Kokain an. Schon am darauf
folgenden Tag wurde er in Handschellen wieder in den geschlossenen
Vollzug gebracht, eine Urinprobe hatte ihn überführt. Auch zur
Schule darf Jones jetzt nicht mehr hinaus. Er sitzt in seiner Zelle,
liest Krimis und fühlt sich unfair behandelt. " Ich habe nur
eine Nase gezogen, und gleich wird mir alles weggenommen." Die
Einschätzung des Psychologen Abram klingt nicht gut: "Nach
diesem Rückfall sehe ich keine gute Prognose für ihn."
Gavin
Jones hat noch anderthalb Jahre vor sich. Er hofft, dass seine
Freundin draußen weiter zu ihm hält. Und er träumt viel vom
Jenseits, so wie es der Koran beschreibt. Es gebe da eine Stelle, wo
einer sage, er möge nicht zurückkehren in die öde Welt. "
Dann weiß ich, wie schön es dort ist."
Zelle
221, Herbst 2008 . Daniel Koch schwingt einen Stuhl über die Badtür,
hängt sich daran und macht Klimmzüge. Er hat noch ein Jahr
"Nachschlag" bekommen, wie er sagt, ein Jahr mehr wegen der
"Unterdrückungsgeschichte". Gemeinsam mit vier anderen
Häftlingen quälte er zwei Mitinsassen. Sie mussten Kochs
Essenschüsseln putzen und die Zelle sauber machen. Wenn sie sich
wehrten, wurden sie verprügelt. Warum? " Die haben es
zugelassen", sagt Koch. Es ist ein ständiges Machtspiel, jeder
muss beweisen, dass er kein Opfer ist. Als Beamte die beiden
Häftlinge unter der Dusche mit blauen Flecken entdeckten, kam alles
heraus.
Daniel
Koch fürchtet sich davor, wieder die Kontrolle zu verlieren. "
Man muss sich hier hart durchsetzen." Wenn zum Beispiel jemand
zu ihm sage: "Fick deine Mutter", raste er noch immer aus.
" Wer sich nicht wehrt, zeigt den anderen, dass er keine Ehre
hat." Also hält sich Koch lieber abseits, versucht, nicht
aufzufallen.
Demnächst
wird seine Mutter ihn besuchen. Sie darf zwei Stunden bleiben. Sie
werden im Besuchsraum der Haftanstalt sitzen, und Koch wird nach
Worten suchen. Er findet, zwei Stunden seien zu lang. Es passiert ja
nichts im Knast, vor allem nichts Schönes. Sein Vater kommt nie, er
schreibt ihm auch nicht. Er ist aus seinem Leben verschwunden.
Die
Gedanken an draußen, sie kommen nun öfter. " Der Knast hat
mich verändert. Ich werde mein Leben anders aufbauen", sagt
Koch. Nach seiner Entlassung hat er vor, Berlin zu verlassen und nach
Bayern zu ziehen. Er träumt davon, sich mit einer Tischlerei
selbstständig zu machen. Den Kontakt zu seinen Mitinsassen will er
abbrechen. Zu viele schlechte Einflüsse. An Jörg Abram, den
Psychologen, wird er vielleicht eine Karte schreiben. Aber nur, wenn
er es geschafft hat.
Büro
des Gefängnisleiters, Winter 2009 . Marius Fiedler sagt, es sei sehr
schwer, Prognosen für die Zukunft von jugendlichen Häftlingen
abzugeben. " Sie entwickeln sich sprunghaft." Einmal habe
er einem Insassen eine schlechte Einschätzung geschrieben, und der
sei nie wieder auffällig geworden. " Man muss das richtige
Strafmaß finden - nicht zu hart und nicht zu mild. Aber das
Gefängnis ist mitnichten der beste Ort für die Entwicklung von
Jugendlichen." Fiedler ist froh, wenn ein paar Häftlinge in
Plötzensee einen Abschluss schaffen, und manchmal ist er auch schon
froh, wenn sie wenigstens zum Zahnarzt gehen, bevor sie entlassen
werden. Die Rückfallquote bleibt hoch. Was hilft? " Bildung,
Bildung, Bildung."
Daniela
Hosser vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen,
Projektleiterin der Studie Entwicklungsfolgen der Jugendstrafe, hat
sich seit 1997 mit insgesamt 2400 Häftlingen beschäftigt und kommt
zu dem Schluss: "Entgegen gesellschaftlichen Erwartungen und
Hoffnungen ist die Jugendstrafe selbst für das Gros junger Männer
kein Anlass für einen tiefgreifenden Einstellungs- und
Verhaltenswandel." Fiedler reagiert auf diese Aussage verstimmt:
"Was heißt tiefgreifend? Welche Hoffnungen hatte man da? Wir
können die Jugendlichen nicht umkrempeln. Mein Hauptziel ist es,
dass sie nicht mehr straffällig werden."
Es
gibt oft Augenblicke, in denen Marius Fiedler verzweifeln könnte,
meist dann, wenn seine "übergeordnete Behörde" oder
Politiker nach einer grausigen Geschichte in den Boulevardzeitungen
schärfere Maßnahmen gegen kriminelle Jugendliche fordern. In diesen
Momenten versucht er, an Fälle zu denken, die gut ausgegangen sind,
an den Häftling, der jetzt im Nachwuchskader der Fußballbundesliga
spielt, oder an jenen, der inzwischen eine große polnische
Zulieferfirma für die Automobilindustrie leitet. Fiedler weiß, das
sind Ausnahmen. Er bemüht sich, bescheiden zu sein. Ihm würde
reichen, wenn der "Resozialisierungsgedanke" wieder mehr
Akzeptanz fände. Bisher gibt es keine Alternative zum Strafvollzug,
um jugendliche Kriminelle zu bestrafen. " Aber alle Gefangenen
sind früher oder später wieder unsere Nachbarn. Und wir müssen
versuchen, sie zu halbwegs verträglichen Nachbarn zu machen."
Fiedler
hat ein Stehpult vors Fenster geschoben und eine Couch gekauft, von
seinem eigenen Geld. Nun sieht sein Büro aus wie ein Wohnzimmer. Die
meiste Zeit verbringt Fiedler im Gefängnis, auch Weihnachten feiert
er im Knast. Mit 65 muss er in Pension gehen, er fürchtet sich schon
etwas davor. Die verordnete Untätigkeit erscheint ihm wie eine
Strafe.
Café
im Kino Alhambra, Winter 2009 . Mehmet Kemal muss gleich auf seinen
fünfjährigen Sohn aufpassen. Er teilt sich das Sorgerecht mit
seiner früheren Freundin. Wenn er mit seinem Sohn zusammen ist, dann
nimmt er sich vor, den Verlockungen nicht zu erliegen, die
Verbindungen von früher ruhen zu lassen. Seine ABM-Stelle gefällt
ihm. Da ist er nicht nur der "Exknacki", nicht der
"Totschläger", den alle argwöhnisch beobachten. " Im
Inneren bin ich kein schlechter Mensch", sagt Kemal.
Vor
Kurzem hat er zehn "Problem-Jugendlichen" sein erstes
Antiaggressionstraining gegeben. Er hat zwei Stunden über sich
geredet: dass man mit 17 zu jung ist, um ein Messer zu tragen. Dass
er damals keine sinnvolle Beschäftigung hatte, keine Ziele. "
Ich wollte nur Respekt, so schnell wie möglich."
Vor
den Augenblicken innerer Aufruhr graut ihm noch immer. Kemal lebt in
steter Furcht, einen Fehler zu begehen. Schon eine rote
Fußgängerampel, die er nicht beachtet, kann eine Gefahr sein. "
Eine Anzeige, und ich bin wieder weg." Nach sieben Jahren in
Freiheit wirkt Mehmet Kemal oft wie ein Mann am Abgrund, der sich
doch immer wieder gegen den letzten Schritt entscheidet.
Manchmal
überlegt er, wie sein Leben verlaufen wäre ohne diese Tat, ohne das
Gefängnis: "Wo wäre ich jetzt? Hätte ich einen Sohn?" Er
kann die Fragen nicht beantworten. Hat die Haft etwas bei ihm
bewirkt? " Es tut mir leid, dass ein Mensch gestorben ist, aber
man kann diesen Tod nicht sühnen." Er sieht das Gefängnis als
letzte "Sozialmaßnahme" für eine Tat, die er nicht
wiedergutmachen kann.
Beim
Abschied sagt Mehmet Kemal, dass er sich ab und zu nach dem Gefängnis
sehne, nach seiner alten Zelle 221. Nach dieser Ruhe. Man gebe alle
Verantwortung ab, habe dann auch "keine Kopfschmerzen mehr".
Es ist, als übernähmen andere das Leben für einen. " Manchmal
denkst du gar nicht mehr an draußen", sagt Mehmet Kemal.
Frühjahr
2009 . Daniel Koch wird in diesem Jahr das Gefängnis wahrscheinlich
zum ersten Mal für ein paar Stunden verlassen dürfen. Gavin Jones
besucht nun die Schule in der JVA Tegel, Deutschlands größtem
Männerknast. " Er hat sich gefangen", sagt der Psychologe
Abram. Seit Januar hat er wieder Haftlockerung und darf an den
Wochenenden für zehn Stunden raus. Mehmet Kemal ist wieder
arbeitslos geworden und will demnächst eine Ausbildung zum Erzieher
beginnen. Wenn das Arbeitsamt es ihm erlaubt.
Hilfe
vor Strafe
In
Deutschland gibt es 27 Jugendstrafanstalten mit etwa 7500 Häftlingen.
Dort sitzen jugendliche und heranwachsende Straftäter bis zum 24.
Lebensjahr ein. Etwa die Hälfte von ihnen wurde wegen Gewalttaten
verurteilt. Noch im Kaiserreich wurden jugendliche Delinquenten als
"kleine Erwachsene" behandelt, die Geschichte eines
selbstständigen Jugendstrafrechts beginnt erst 1923 in der Weimarer
Republik.
In
Jugendstrafanstalten wird großer Wert auf Ausbildung und
Unterstützung der Gefangenen gelegt. Der Erziehungsgedanke steht im
Mittelpunkt, weil der Gesetzgeber davon ausgeht, dass Jugendliche
durch pädagogische Maßnahmen positiv beeinflusst werden können.
Gefängnisstrafen dürfen nur dann verhängt werden, wenn zuvor
Erziehungsmaßnahmen beim Täter nichts genützt haben. Dazu zählen
Arbeitsstunden in gemeinnützigen Einrichtungen oder soziale
Trainingskurse. Gefängnisstrafen kommen auch infrage, wenn eine
besondere Schwere der Schuld festgestellt wird, bei Kapitalverbrechen
beispielsweise.
"Die
Gefangenen sind in der Entwicklung ihrer Fähigkeiten und
Fertigkeiten so zu fördern, dass sie zu einer eigenverantwortlichen
und gemeinschaftsfähigen Lebensführung in Achtung der Rechte
anderer befähigt werden", heißt es im Berliner
Strafvollzugsgesetz. Dieses Ziel wird allerdings selten erreicht: 80
Prozent der jugendlichen Straftäter werden nach ihrer Entlassung
rückfällig. " Je härter die verhängte Sanktion, desto höher
sind die Rückfallraten", stellt der Zweite Periodische
Sicherheitsbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2006 fest. Die
Integration in die Gesellschaft gelingt nach einem Aufenthalt im
Gefängnis schlechter als bei milderen Strafen. Einen Job zu finden
fällt dann oft sehr schwer.
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